Buch

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Daniela Seel, was weißt du schon von prärie. Gedichte, kookbooks Reihe Lyrik Band 44, 80 Seiten, mit Fotos von Daniela Seel, gestaltet von Andreas Töpfer, Broschur mit Posterumschlag, 19,90 Euro, ISBN 9783937445731


TEXTE


Die störrisch Schweifenden.

Die zur Vertreibung Bereiten.

Die unter der Erde noch Herrschenden.

Auch mein Körper krepiert, bestrickt von Komplizenschaft.

Weniger unverdächtig als in die Landschaft geblendet.

Was doch Lüge ist, Unterlassung.

Die Schneedecke wird nicht genügen.

Den Ältesten, ihrem verwahrlosten Straucheln.

„Unsere Aufgabe ist es, die Wildnis zu schützen, nicht Sie.“

Nicht vor Klauen, vor dem Aufrauschen, das die Klauen erzeugt.

Salbeistrauchsteppe, Weltliches. Immer-noch-Wüste.

Eine blattlose Demut vor ihrer Strenge.

Dass es Bedürftigkeit überhaupt braucht.

Instinkt zu durchkreuzen im Maul

mit der Frage, was Wildnis denn sei.

Goldadler, Wanderfalke, Rabe.

Schatten geduldig und gleißend.

Zu reglos, um zu beruhigen.


Dann diese, die blattförmige Störung. Entfremdet meiner Versenkung. Und Rücken an Rücken die Senke queren, auf Schildkrötenfüßen. Ja reiten sie denn, die alten Weisen? Gewöhnungen vorgelagert, schlägt Welle an und erbt einen Strand. Es rauscht wie aus Projektoren. Ich meine es ernst bis genau zu dem Punkt, wo Sie mir entgegenkommen. Unter Synkopdecken, schwebend. Aber die Nebengeräusche, die Zähnchen. Ihr schreckliches Keckern über rostroten, verwirbelten Feldern. Ein Tagesmarsch noch ins Basislager. Durch Seen aus Wollgras, Sander und Obsidian, einfach ins Sterben geraten. Reste von Anlagen. Funken Widerstand über Grenzen des Datenempfangs. Dass niemand die Passage allein durchsteige. Ich weinte, versuchsweise bei. Beil. Nächster sein, bleiben. Soll Liebe derart beschaffen sein, oder zubereitet? Ein Satz wie ein Seil. Woran Fremde mikroskopisch zerstiebt, schüttelt von Schultern Prärie, rippenlicht. Ihre Muskeln prosodisch. Denk an frühe Nächte im Park. Kein Feuer machen. Keinen Müll hinterlassen. Nicht innehalten angesichts solcher Landschaft.


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Daniela Seel, ich kann diese stelle nicht wiederfinden. Gedichte, kookbooks Reihe Lyrik Band 22, 64 Seiten, gestaltet von Andreas Töpfer, Klappenbroschur, 17,90 Euro, ISBN 9783937445465


TEXTE


ich habe mir ihren körper dann einfach
umgebunden wie eine schürze.

distanz gewinnen, eine bewegung,
die nur in der zeit existiert, nicht im raum.

wie sinne verhalten steuern. ihrer stimme
habe ich immer vertraut, nicht den augen.

ich kann nicht aufhören, das zu wiederholen.
einträge von ausrichtung. diese bewegung,

die meinen körper konstituiert. ihre stille,
dressierte präsenz. ich will diese schürze

nie wieder ausziehen.


notationen, reproduktionen von schnee,
der durch ihre stimmen fällt, zwischen birken.
stockend. auch hier gibt es striche. wogegen
wehren sie sich. ich sah sie zurückfallen,
wie die sonne zurückfällt gegen den horizont.
leichte schatten, wir jagen. kein schlitten heute,
ich habe nach der kutsche geläutet. welche
implantate möchten sie tragen, wenn wir
das haus verlassen, welche wappen. do not
touch. etwas nicht mehr zurücknehmen können.
alaska, meinen sie das. so viel heimat. gut
gelagertes, waffenfähiges material. rascheln,
chimaera. die positionen wechseln
schneller, als ich schießen kann.


münze unter die zunge, dann schlucken. oder wie
ging das noch. ich kriegte diesmal die abfolge nicht.
wandhoch die kästen mit den gehenkten. zwei
drehn sich, wildnis, ein teppich aus abgeworfenen
leibchen, drehn weiter, mit nichts mehr bekleidet
als ihrem amt, erkenntlich zu sein. do not cross this
line. wo panik umschlägt in projektion. wie lange
sind wir schon hier. erkennen sie sich in mir wieder,
gehört, was ich in ihnen sehe, zu mir. schlucken.
es riecht nach frisch geschlagenen kiefern, schnee
fegt durch den zuschauerraum, die luft wird knapp.
sicher, das ließe irgendwann nach. ob auch die
gelenke von engeln dann reißen. erwartungen
kriechen unter die leibchen, wir streifen sie ab.


STIMMEN


» … ein Buch, dessen Texte Sensibilität im Wortsinn vorführen, Sinnlichkeit bis in die feinsten Nuancen erkunden. Daniela Seels Lyrik verfährt kompromisslos auf höchstem ästhetischem Niveau, vermeidet jede falsche Feierlichkeit und spielt das komplizierte poetische Spiel mit der Sprache viel lieber mit ernster Leichtigkeit und aller Lust zum Experiment.« Jury zum Friedrich-Hölderlin-Förderpreis

»Das Tollste an deutscher Lyrik in diesem Frühjahr ist für mich Daniela Seels ›ich kann diese Stelle nicht wiederfinden‹. Die Verlegerin von kookbooks hat diesen Verlag nicht nur binnen weniger Jahre zur feinsten Adresse für deutsche Dichter gemacht, sondern erweist sich nun selbst als grandiose Lyrikerin. Ihre Gedichte sind – in Seels Worten – ›etwas trautes, das schauern macht‹: strahlend schöne Sprachgebilde, stählern und doch filigran, einsichtsreich, neu, und eben gleichzeitig vertraut.« Denis Scheck, ARD

»Hier aber wird gerade nicht weggesehen, der genaue Blick, überhaupt Genauigkeit in allem prägt diese Gedichte. Nie spürt man intellektuelle Überheblichkeit bei Daniela Seel, nein, nichts ist trocken hier, alles lebt, vibriert, erfüllt und fühlt sich richtig an, schwebt und ist geerdet zugleich. Bei dieser Lyrikerin ist Sprache Sinn, Eigensinn und Sinnlichkeit, Zeichen und Leben, Haut und Gehirn, ein Lebensareal berührt immer das andere, jedes Wort hat eine Haut, die Filter ist, Filter für das Denken, für die Beobachtungsgabe dieser bis ins Seismographische fein arbeitenden Dichterin. Kurzum: Es sind zeitlose Stunden, die wir mit diesen Gedichten verbringen können und es sind Gedichte – das kommt nicht allzu oft vor -, die wie ›seltsam gefaltete ozeane‹ wirken und dabei eine konkrete Welt erschaffen, die formal genauso überzeugt wie es der Klang macht.
Es ist eine weiche und sanfte, wirklichkeitstaugliche und im Überfluss der Verknüpfungen lebende Tonalität, die nicht nur aufrüttelt, sondern auch denkerisch überzeugt und wieder einmal zeigt, wie sehr Sprache und Denken strukturell bis in die Einzelheiten der Syntax zusammengehören.
In einem Gedicht wird notiert: ›kein ich verfügt über mich‹ und Daniela Seel verweist damit auf ein Zentrum ihrer Poesie, die jetzt schon eine Unverwechselbarkeit aufweist, an der sich manch ein anderer Gedichtband für Gedichtband abarbeiten muss.
Warum gelingt das Daniela Seel so gut? Es ist der Eigensinn, der betört, die Art, wie sie die Ablagerungen in den Wörtern ausforscht, wie sie Gefühle darstellt, Bilder auf ihre Glaubwürdigkeit abklopft, das eigene Erinnern seziert.« Marica Bodrozic, Ö1/ORF

»Das ist große Kunst.« Jochen Hieber, FAZ

»Die Autorin fixiert irreale Momente und erprobt sie an handfesten Wirklichkeiten … Seels eindringliche Sentenzen könnten zum Bannerzeichen dieser jungen Dichtergeneration werden, die sich nicht im Negieren des Vorgefundenen erschöpft.« Dorothea von Törne, Die Welt

»Der Fixstern der Prosa ist (inzwischen leider, leider) die Saison – der der Poesie wirft sein Licht auf die Jahrtausende. Gerade gestern habe ich in ›ich kann diese stelle nicht wiederfinden‹ auf Seite 43 das wunderbare Gedicht ›allegorie eines kalenderblattes …‹ gefunden. Ein Gedicht, das bleiben wird, wenigstens für das, was mein Körper von den Jahrtausenden weiß. Und viel, viel später werde ich vielleicht ein nächstes finden, eines wie ›II‹ auf den Seiten 28 und 29, aus dem Kapitel ›wir. der charakter der landschaft‹. Und schon sind es zwei. Und keiner, keiner ist mehr so wirklich alleine.« Alissa Walser, buchjournal

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