Texte

Wenn ich Sie direkt anspreche, weise ich damit von mir weg? Doch kaum. Weisen Sie auch auf Furchtsamkeit, verflogen, ohne Verbindung, anheim? Solcher Stille. Einem Niagara aus Wolken und quillend. Daran Erwartbarkeit zischt. Löst Vorstellung sich, in wirklicher Wirklichkeit, meinen Sie Schreie zu hören, wo Täuschung sich dösend entspricht? Es macht ja wach, dies komplizierende Scheitern am Abgleich. Und wenn es auffrischt, trifft Schauer ein. Also noch mal. Wo darf ich mich in Sie teilen? In ein Wohnen, ein Gastrecht. Fremd zu sein und doch Wasser zu brauchen. Welchen Raum nehme ich ein? Unter Coyoten, Motoren, ihr Jaulen wie lauernd, salvenförmig. Die ersten Schritte schon kräuselnd. Stiller Ozean, Niagara. Intentionen zu trennen, misslingt Chemie. Im Aufrauschen Klima, Eingeschriebenes, annotiert, unterspült.


Und Tauben. Ihre Liebe auf Firsten. Aufgezogen am Himmel Aurora, die Koboldhaube. Wie Erdschatten den Mond dekliniert, finden die Flocken mich. Ins Hüten verstrickt, bezwirnt. Kaum knausriges Gaumenanschlagen. Die Segel, ich lebe, doch geografisch. Wann ist es warm genug in einem Nest? Die Neige vom Schlitten aus zu begreifen. Jähe vulkanische Schneise, ich preise sie, Dachpappentopologie. Aber niemand soll meine Nippel sehn, niemand, so glimmen die Perspektiven. Irre kreiselndes Locken, natürlich schau ich hinauf. Panoramalaube. Es regnet löffelweise Kaninchen. Vertraute Geister, ihr macht mich schauern. Einmal das Lassen zu fassen. Die Schnabelklappe. Die fallen, fallen immer zum Mund. Und zerfließen. Erste Instanz. Bezieht Gras sich mit Niederschlag, Kobolds Erdenhaar, worauf ich pfeife.


silhouetten in turbulenz. alles linie, aber ohne die wünsche
schon zu fixieren. vorne ist, wohin die bewegung führt, die
mich orientiert. formationen von ordnung, diskret korelliert.
sobald ich hinzutrete, greife ich ein. also exposition im sinne

von ausgesetztsein. finger tauchen durch perlen, gedrechselte
schnecken, dinge zum angefasstwerden. nesteln und keramische
kästchen. erkläre hiermit. sie dürfen jetzt. nur: die adresse fehlt.
was folgte, folgen würde, ginge voraus. finge entfernungen ein.

oder fokus auf. sagen sie nein. gewalt erfahren, jemanden über
die schwelle tragen. was im rahmen zusammenkam. küstennah.
antilopenhorn, doppelt gewunden, drei hufe vom rind. könnten
sie bitte die sitzordnung ändern, bevor der punkt mit dem küssen

anfängt. hallo. hallo, hören sie mich. ja verflucht noch mal, warum
unterbrechen sie mich dann nicht. das sind kräfte, ich hatte sie
unterschätzt. die kunst liegt hier doch im arrangement. silbrige
plättchen, sie spleißen, ich reche, induzierte mandelbrotdisziplin.

stimmregime, stille, in schichten, fächern, von ablenkung informiert.
„was man nicht versteht, das bleibt eben offen.“ natürlich knochen,
sehnen, auch federn, unverdauliches plastik, haar, gischt. zeigen auf,
was mal vogel war. nirgendwo mehr existiert als hier, im gedicht.


alle wetter, ein weißer schimmel. dabei wollten wir doch
contenance. die finger spreizen, an der treppe kurz stehen
bleiben. es zieht. pelziges trampolin, sprungfedern, striegel,
den poncho halbiert. nicht die lücken zuschmieren. unter

den händen wirkt form ganz anders als unter den augen,
unter der haut. angrenzend, interveniert. vertraut. jetzt die
fassung verlieren. und wiederfinden. sich umsortieren, wo
zugehörig, gestreut souverän. oder flocken, von eroberung

frei. soll das so kalt sein hier. das tempo anziehen. während wir
springen, wechselt das wetter. sonnenflecken, durch flechten
steppe, unstete plätze, im flug zusammengesetzt. spukkraft,
verdacht auf. ich klopfe die wand ab. gedreht, gedreht, bis

was passt. „ich wär immer gern der eine kartäuser gewesen,
der reden darf.“ um dann beim indianerspielen zu fragen, was
weißt du schon von prärie. vereinbarung war, dass es ruhig
auch mal wehtun darf. rück das messer zurecht, ehe du gehst.

so etwa. wenn kein zimmer hält, wollen wir zelten. „you became
chief, how did you enjoy it. / and now you’re married, all relation
is challenge. / that’s all that’s about it.“ die finger wie richtungen
kreuzen. das grasland, weiter ist keine entscheidung, passieren.

stat crux dum volvitur orbis
das kreuz steht fest, während die welt sich dreht.
mit bruno

you can’t be sad in a poncho
mit vince noir


Gedichte lesen

„das amortisiert sich nicht“
Tristan Marquardt

Manchmal hätte ich gern ein Geländer, an dem ich mich entlangtasten kann, das meinen Bewegungen eine Achse gibt. Wenn ich es in meiner Tasche wüsste, müsste ich vielleicht nicht einmal danach greifen und es nach drei oder mehr Dimensionen auswerfen; es orientierte mich einfach, indem es begleitet. Ein solches tragbares, adaptionsfähiges Geländer ist mir bisher nur in der Vorstellung begegnet, wohl aber kenne ich Gedichte, die ähnlich eigensinnige Instrumente sind.

„das amortisiert sich nicht, u70, alle zeit der welt“ beginnt ein Gedicht von Tristan Marquardt. Ich finde es im Internet, auf dem Blog der Lyrikgruppe G13. Hier werden Texte eingestellt, die noch keine endgültige Form behaupten, wie es Gedichte in Büchern meist tun, sondern die kommentiert, diskutiert, geteilt werden wollen, um sich davon verändern zu lassen, vielleicht im Sinne von wachsen. Im Moment davor, gerade noch nicht fertig zu sein, beweglich zu bleiben, abenteuerbereit. Ich hier mit meiner Sprache, du da mit deiner Sprache, zwischen uns ein Gedicht. Es filtert, übersetzt, vertauscht, mischt. Aber was beim Lesen eintrifft, „das amortisiert sich nicht“.

„Alles in die Verwertung“, ruft in meinem Kopf prompt Veronika aus Monika Rincks „Ah, das Love-Ding!“, und schon sind wir mitten drin im Gespräch. Wohin jetzt bitte mit dem ökonomischen Tilgungssatz, demzufolge Aufwendungen gefälligst durch Erträge gedeckt werden sollen? Weggesteckt, oder können wir das noch brauchen, und wenn ja, wofür?

Mir gefällt es, Gedichte als Gegenstände zu denken, die sich nicht aufrechnen lassen. An denen nichts gleich wird, während viele Verbindungen entstehen. Oder Bindungen gelockert werden. Nimm du die Waage, gib mir die Wippe. Ich tippe. Gedichte sind so sehr Sprache, das etwas, mit dem ich alltäglich Umgang habe, mich ganz unvertraut anschauen kann. In Irritation verstrickt durch sprachlichen Übergriff. Erkenntnisblitz. Existenzielles Moment. Vielleicht sind nur zwei Worte kollidiert, wie es mir nie zuvor begegnet ist, oder nicht bewusst, doch plötzlich kann ich eine Verbindung denken, die ich allein nicht gesehen habe.

Wenn Sprache das Medium ist, in dem menschliche Erkenntnis „fassbar“ wird, dann sind Gedichte Gegenstände, die mir in besonderer Weise verstehen helfen, wie das funktioniert, Sprache, Denken, mein Denken, das einer andern, Zugespieltes. Ein Autor, ein Text, ein Leser. Etliche Kontexte. Gepäck. Wahrnehmung, Vorstellung, Erwartung, Erfahrung und all die Konventionalisierungen, durch die hindurch Verstehen erst möglich wird. Bildschirm. Oder das sinnliche Ding zum Anfassen, mit Schrift und Geruch, Buch genannt, ein Widerstand. Möbel. Getränke stehen bereit. Treffen Gäste ein? Rutschen sie übers Geländer? Kommt rein! Wir führen hier ein Gedicht auf, wir üben. Konzentration, Zerstreuung, da sein.

Was mich an Gedichten immer wieder fasziniert, ist die Art, wie sie erzählen, oft ohne eigentlich zu erzählen. Unaufdringliche Dringlichkeit. Ihre prosodischen Klammern ‒ Rhythmus, Klang, Assonanzen, Reime, Tempo, Pausen, Kontraste usw. ‒ schaffen Zusammenhang, der über inhaltliche und grammatisch-syntaktische Folgen hinausweist. Dabei eignet Gedichten eine größere Gleichzeitigkeit als der alltäglichen oder prosaischen Rede. Obwohl ich linear lese, entsteht ein dichteres, vielschichtigeres Gewebe mit gleitenden, wechselnden Bezügen, Ober- und Untertöne klingen mit, ebenso Störgeräusche, Rauschen. Mobilisierte Mitanwesenheit. Wo fängt ein Gedicht an, wo hört es auf?

Gedichte liegen offen da, zugriffsbereit. Sie stellen nicht nur aus, woraus sie gemacht sind, sie fordern auch auf, sich darin nach verschiedenen Seiten zu drehen und zu bewegen, nicht bloß nachzuvollziehen, sondern im eigenen Denken das Eigensinnige allererst zu vollziehen. Während ich beim Lesen romanhafter Erzählformen oft das unangenehme Gefühl habe, dass Aspekte wie Spannungsbögen und Figurenentwicklung sich fettfilmartig auf dem Text ablagern und mich vor sich her tragen, ohne dass von mir anderes als fortschreitender Konsum gewünscht wäre, setzen viele Gedichte geradezu auf das Mitwirken ihrer Leser. Bloße Affirmation führt nicht weit. Wie passt das Teil hier rein? Ich will einsprechen, anwenden, vielstimmig sein. Die flüchtigen lyrischen Ichs entheben mich von Rollenzwang, Kontrolle und Identifikationspflicht und verhandeln im oft Krisenhaften ihrer Rede Möglichkeiten für freieren Umgang, bieten Gesten mit Sinn für Unvermögen und Utopien.

Tristan Marquardt zum Beispiel gibt Amor ein paar Buchstaben auf, schickt ihn durch die Schule kapitaler Akkumulation, und eröffnet so eine Gleichung mit mehreren Unbekannten. Oder eine Ungleichung mit einigen Bekannten? Wir wollen das nicht schon gelöst haben. Es sind Gäste im Aufgang. Mit trefflichen Instrumenten, um einige Kapriolen durchzuspielen. Wenn wir das noch eine Weile ausprobieren, finden wir bestimmt auch heraus, in welchen Dimensionen sie als Geländer taugen. Und sag, was wird eigentlich aus Gästen, die bleiben?

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